Ein Wettlauf um Swahili-Manuskripte im Kenia der 1930er Jahre: Plädoyer für einen transimperialen Blick auf die Afrikalinguistik

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I. Wissenschaftsgeschichte transimperial

In den letzten Jahren wurde vermehrt eingefordert, Wissenschaftsgeschichte aus transimperialer Perspektive zu untersuchen. National-imperiale Container müssten aufgebrochen werden, denn sie verdeckten oft mehr Entwicklungen als sie erklärten. Somit reiche die klassische Forderung Ann Laura Stolers und Frederick Coopers, Kolonie und Metropole in einem analytischen Raum zu betrachten,[1] nicht mehr aus. Sie sei dahingehend zu erweitern, dass Kolonien und Metropolen verschiedener europäischer Mächte gemeinsam in den Blick genommen werden. Damit gelangen erstens transimperiale Akteur:innen, deren Wissenspraktiken durch die Mobilität zwischen verschiedenen Kolonien und Metropolen geprägt waren, in den Fokus: europäische Missionare, Forschende und Kolonialbeamte, aber auch antiimperiale Aktivist:innen. Zweitens treten geteilte Wissensbestände in den Vordergrund: Christoph Kamissek und Jonas Kreienbaum sprechen von einer „imperial cloud“, einem transimperialen Wissensreservoir, in dem verschiedenste Akteur:innen Wissen abspeichern und abrufen konnten, wobei die cloud keineswegs homogen und gleichermaßen zugänglich war. Neben dieser gewollten oder ungewollten Kooperation werden aber auch, drittens, Politiken des imperialen Vergleichs und der Abgrenzung entlang nationaler Linien sichtbar. Oft genug bestimmte der nationale Wettbewerb die Wissensproduktion kolonialer Akteure.[2]

Insbesondere Akteur:innen aus den „Rändern des imperialen Europas“, die keinen Platz in den national-imperialen Darstellungen der Wissenschafts- wie der Kolonialgeschichte finden, geraten nun in den Blick. Dazu zählen die in jüngster Zeit beliebten Beispiele von Schweizern und Skandinavierinnen als Angehörige von Ländern ohne oder mit begrenztem überseeischem Kolonialbesitz. Und auch Deutsche fallen in diese Kategorie – vor der Begründung des Kolonialreichs 1884 und nach dem Ende der formalen Kolonialherrschaft im Ersten Weltkrieg. Diese Akteur:innen agierten nicht im Kolonialreich des eigenen Landes, sondern in „fremden“ Kolonien. Dort trugen sie zur kolonialen Wissensproduktion und Herrschaftssicherung bei, während sie eigene Interessen verfolgten. Und ihr Aufenthalt in den Kolonien prägte sie selbst und etwa die Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen in der vermeintlich nichtkolonialen Heimat.[3]

An einer Fallstudie wird im Folgenden gezeigt, wie eine transimperiale Perspektive Entwicklungen in der Formationsphase einer kolonial geprägten Wissenschaft fassen kann, die bislang oft übersehen wurden. Untersuchungsgegenstand ist die afrikanistische Sprachwissenschaft, die sich im deutschen Sprachraum um 1900 als Afrikanistik herausbildete. Gefragt wird nach den ideologischen und politischen Faktoren, den Vorstellungen, Netzwerken und Ressourcen, die die Wissensproduktion prägten. Die Episode führt in die britische Kolonie Kenia der 1930er Jahre, bevor anschließend diskutiert wird, wie eine transimperiale Perspektive für die gesamte Geschichte der Afrikalinguistik im 19. und 20. Jahrhundert gewinnbringend sein kann. Es wird einerseits gezeigt, welche zentrale Bedeutung imperiale Konkurrenz für die Forschungspraxis hatte. Die Zusammenarbeit über national-imperiale Grenzen hinweg war andererseits nicht weniger prägend: Diese umfasste Wissenstransfers, den Rückgriff auf geteilte Wissensbestände, aber auch die praktische Unterstützung in einer unvertrauten Umgebung.

II. Auf der Suche nach Swahili-Manuskripten in Kenia, 1936/37

Im Mittelpunkt steht im Folgenden der Hamburger Afrikanist Ernst Dammann (1904–2003), der wohl bedeutendste Vertreter der zweiten deutschen Afrikanistengeneration. Er war Schüler und enger Vertrauter Carl Meinhofs (1857–1944), der seit 1909 die international erste Professur für afrikanische Sprachen innehatte. Ganz in Tradition der missionarischen Afrikanistik erfuhr Dammann eine doppelte Ausbildung als protestantischer Theologe und akademischer Afrikanist. 1930 wurde er Mitarbeiter an Meinhofs Hamburger Seminar für afrikanische Sprachen, bevor er drei Jahre später mit dessen Zustimmung von der Bethel-Mission nach Tanganyika entsandt wurde, um vor Ort Mission und Afrikanistik zu vereinen. Doch Dammanns Interesse an der Bekehrung schwand schnell: Er nutzte seine Anstellung für linguistische Forschungen und insbesondere für sein Engagement in der deutschen Siedlergemeinschaft in der ehemals deutschen Kolonie, die er in seiner Doppelstellung als evangelischer Pastor und NSDAP-Ortsgruppenleiter in ihrer kolonialen Identität zu festigen versuchte. Dies, sein Engagement in einer siedlerdeutschen Kampagne gegen seine Missionsbrüder und offen artikulierte Gewaltphantasien gegen afrikanische Mitarbeiter:innen brachten ihn in Konflikt mit seiner Missionsgesellschaft, die ihn schließlich abberief. Dammann wollte jedoch in Ostafrika bleiben. Eine neue Aufgabe und Finanzierung mussten für ihn gefunden werden.[4]

Auf der nun anstehenden Forschungsreise legte Dammann zentrale Grundlagen für die philologische Beschäftigung mit der klassischen Swahili-Versdichtung. Bis heute bilden die in den Jahren 1936 und 1937 gesammelten und anschließend bearbeiteten Manuskripte die wichtigste Grundlage für neuerscheinende Editionen der islamisch geprägten utend̠i-Literatur der ostafrikanischen Küste. Dammann sollte zunächst für Meinhof eine Neuedition des über eintausend Strophen umfassenden Swahili-Epos „Chuo cha Herkal“ bzw. „Utend̠i wa Tambuka“ besorgen, das den Kampf Mohammeds gegen den oströmischen Kaiser Herakleios schildert. Auf der Insel Lamu vor der kenianischen Küste sollte er – so Meinhofs Wunsch – „mit einem eingeborenen Gelehrten die ganze Arbeit durch[gehen]“ und „Verbesserungen und Ergänzungen“ zur bestehenden Transkription und Übersetzung machen.[5]

Finanzierung

Zunächst stellte sich die Frage, wie der Aufenthalt Dammanns und seiner Frau Ruth in Kenia finanziert werden sollte, wenn die Gehaltszahlungen der Mission versiegten. Während Meinhof sich um eine Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bemühte, fragte Dammann bei seinem zweiten akademischen Lehrer Diedrich Westermann nach, ob eine Förderung durch das Londoner International Institute of African Languages and Cultures, auch International African Institute (IAI), infrage käme.[6] Damit standen anfangs die zwei großen Geldtöpfe, aus denen Afrikanist:innen ihre Forschung finanzierten, als mögliche Geldquellen zur Debatte.

Das IAI, gegründet 1926 im Rahmen der Internationalisierung der Kolonialwissenschaften, war ein gemeinsames Projekt protestantischer Missionsgesellschaften, den mit ihnen verbundenen Afrikawissenschaftler:innen und europäischer Kolonialverwaltungen. Nach seiner Gründung traten jedoch die Spannungen zwischen seinem transnationalen Charakter, der sich in der Forschungspraxis zeigte, und der doch offensichtlichen Verwurzelung des Instituts im Britischen Empire, auch durch die initiale Rolle des britischen Colonial Office, zutage.[7] Langjähriger Ko-Direktor war der Berliner Ordinarius Westermann, dessen transnationale Karriere zwischen deutscher und britischer Afrikanistik und Mission, zwischen der Beratung des britischen Kolonialministeriums und der führenden Rolle in den nationalsozialistischen Kolonialwissenschaften nachgezeichnet wurde.[8] Insbesondere aus praktischen Gründen schien das IAI als Geldgeber vorteilhaft, da es sich durch Devisenprobleme als sehr schwierig erweisen sollte, von der DFG bewilligte Mittel in Tanganyika in britischen Pfund bereitzustellen.[9]

Doch persönliche Animositäten und ideologische Gründe sprachen gegen das IAI und für eine Finanzierung durch die DFG, die bis 1934 selbstverwaltend in für die einzelnen Disziplinen zuständigen Fachausschüssen gearbeitet hatte. Den auch für die afrikanistische Sprachforschung zuständigen Ausschuss leitete Meinhof ununterbrochen seit 1921. Zusammen mit dem Direktor des Hamburger Museums für Völkerkunde Georg Thilenius entschied er fast widerspruchsfrei über afrikanistische Forschungsmittel. Seine Zeitschrift für Eingeborenen-Sprachen wie auch die Forschungen der Hamburger Seminarmitglieder wurden somit von der DFG gefördert. Nach Meinhofs Zerwürfnis mit Westermann, unter anderem wegen dessen „Engländerei“, also seiner Arbeit am IAI und für die britische Regierung, wurden DFG-Anträge der Berliner Afrikanistik stets abgelehnt.[10]

Im Gegensatz zur zunächst möglich scheinenden transnationalen Finanzierung des Projekts durch das IAI wurde mit der Entscheidung für die DFG das Forschungsvorhaben in ein eindeutig nationalistisches Licht gerückt. Meinhof gab Dammann auf, von Tanga aus eine Eingabe an die DFG zu machen – er möge die Forderung nach mindestens 3.000 Reichsmark „irgendwie spezialisier[en]“, damit sie nicht beliebig wirke. Wichtig war Folgendes: „Beachten Sie bitte, dass in Ihrem Antrag irgendwie hervorgehoben werden muss, dass die Arbeit für das Ansehen der deutschen Wissenschaft im Auslande von Wichtigkeit ist. Sie können das mit gutem Gewissen sagen, denn es bedeutet etwas, wenn das grösste ostafrikanische Epos ganz und gar von Deutschen bearbeitet wird.“[11] Diese Argumentation war, wie Holger Stoecker feststellt, typisch für Anträge an die DFG in den kolonial geprägten Wissenschaften: „Insbesondere die nationalistisch aufgeladene Konstruktion eines wissenschaftlichen Wettbewerbs mit dem Ausland als Teil des ‚kolonialen Wettlaufs‘ erwies sich während der Zwischenkriegsjahre als erfolgversprechende Antragsrhetorik.“[12]

Doch war der „koloniale Wettlauf“ für Dammann und Meinhof nicht nur „Antragsrhetorik“. Schon zuvor hatte der überzeugte Kolonialrevisionist Dammann während seines Aufenthalts in Tanganyika die deutsche Sprachforschung in Ostafrika in einen Zusammenhang kolonialer Ambitionen und nationaler Konkurrenz mit den Briten gerückt, die nun die ehemals deutsche Kolonie beherrschten.[13] Dies fügt sich in den Kontext der kolonialen Rolle der Afrikalinguistik ein. So spiegelte die Institutionalisierung des Faches in den imperialen Metropolen – am Seminar für Orientalische Sprachen in Berlin (1887), am Hamburgischen Kolonialinstitut (1908) und an der School of Oriental (and African) Studies in London (1916) – die Herrschaftsansprüche von Briten und Deutschen wider: Linguistisches Wissen diente der Beherrschung kolonisierter Bevölkerungen, immer auch in Hinblick auf die wissenschaftlichen Bestrebungen der imperialen Konkurrenten. Und 1940, wenige Jahre nach der hier geschilderten Episode, dienten Meinhof die Verdienste deutscher Afrikanist:innen zur Rechtfertigung des Anspruchs Deutschlands auf ein neues Kolonialreich in Afrika – in der „neue[n] Zeit“, die „[d]ank dem Weitblick und der Tatkraft unseres großen Führers“ angebrochen sei.[14]

(Swahili-Dichtung „Qissati Yusufu“ („Die Josefsgeschichte“), geschrieben von Muhamadi Kijuma und 1937 an Ernst Dammann übersandt, heute Bestandteil der Sammlung Dammann der Staatsbibliothek zu Berlin, Orientabteilung, Hs. or. 9893)

Vorbereitung

Betrachten wir die inhaltliche Vorbereitung der Forschungsreise Dammanns, bleibt von der stolzen Darstellung nationaler Verdienste in Abgrenzung zu den britischen Konkurrenten wenig übrig. Meinhof und Dammann waren sich bewusst, dass ihnen die bisherigen deutschen Vorarbeiten zum „Herkal“ ohne Kontakte zu afrika­nischen Experten an der nördlichen Swahili-Küste wenig nützen würden. Um mit diesen in Kontakt zu treten, waren sie auf ihre britischen Kolleg:innen angewiesen, die sich ebenfalls mit der Erforschung der klassischen Swahili-Dichtung beschäftigten. Wie die Dammann-Schülerin Gudrun Miehe feststellt, unterschied sich deren Forschungspraxis von der deutscher Afrikanisten: Im Gegensatz zu Meinhof, der Manuskripte mit seinen ostafrikanischen Mitarbeitern in Berlin und Hamburg durcharbeitete, verbrachten seine britischen Kolleg:innen längere Zeit an der Swahili-Küste und standen in engem Kontakt mit dortigen Gelehrten.[15]

So setzten Meinhof und Dammann ihre Hoffnung auf die wichtigste britische Kennerin der Swahili-Dichtung: Alice Werner, die seit 1922 die erste britische Professur für afrikanische Sprachen innehatte. Während ihres Aufenthalts an der kenianischen Küste Anfang der 1910er Jahre hatte sie mit dortigen Gelehrten Manuskripte der islamischen Swahili-Dichtung gesammelt und bearbeitet. Anschließend blieb sie mit ihnen in Briefkontakt und erhielt Manuskripte und Hilfe bei der Interpretation unverständlicher Textstellen. Diese Kontakte machte sich Meinhof nun zunutze. Auf sein Bitten schrieb Werner ihre Informanten in Kenia an und verfasste Empfehlungsschreiben, die Dammann vorlegen konnte. Auch nach Werners Tod im Juni 1935, den Meinhof als einen „erhebliche[n] Verlust“ für die Arbeit Dammanns sah, blieb Werner für seine Forschung bedeutend. So ließ sich Dammann Werners Swahili-Editionen nach Tanga schicken. Und auch das „Testimonial“, das Meinhof für die Reise verfasste, wohl insbesondere um das Vorhaben gegenüber britischen Stellen in Kenia zu begründen, verweist auf die Verbindung zur „late Dr. Alice Werner, who was for many years Professor in the School of Oriental Studies, London“.[16]

Wettlauf

An die Vorbereitungen schloss sich der Erwerb von Handschriften und die eigentliche philologischen Arbeit am „Herkal“ mit Werners einstigen Informanten Mbarak al-Hinawy in Mombasa und Muhamadi Kijuma auf Lamu an. Beide hatten bereits Erfahrung in der Arbeit mit Europäer:innen, deren Interesse an Swahili-Manuskripten und Vorstellungen über die Swahili-Dichtkunst sie bedienten und prägten. Auf die transkulturelle Übersetzungsarbeit, die den Texten eine neue, teilweise der bisherigen Interpretation widersprechende Deutung verlieh, soll hier nicht weiter eingegangen werden.[17] Aus transimperialer Perspektive ist interessant, dass sich die anfangs angedachte Neubearbeitung des „Herkal“ zu einem Wettlauf um den Erhalt und die Edition anderer, bislang unveröffentlichter Swahili-Manuskripte entwickelte. Dies erfolgte, als der Brite William Hichens ins Bild trat. Hichens hatte während seiner Tätigkeit in der britischen Kolonialverwaltung in Kenia mit dem Sammeln und Publizieren von Swahili-Manuskripten begonnen. Während sich Dammann und Hichens anfangs über fachliche Fragen der Swahili-Poesie und die Interpretation einzelner Textstellen austauschten, sah Dammann nun in ihm eine Konkurrenz, die er gegenüber Meinhof als einen Wettstreit zwischen deutscher und britischer Afrikanistik deutete:

Ich habe den Eindruck, daß der auch Ihnen wohl bekannte Mr. Hichens sehr dahinter her ist Material zu bekommen. Schon aus diesem Grunde freue ich mich, wenn ich Verschiedenes mit nach Hause bringen kann. Es sollte mir leid tun, wenn die Engländer mit allem Material über den Berg gehen würden.[18]

Das zuvor nur am Rande relevante Auffinden neuer Manuskripte wurde nun zum Politikum. Dammann sah sich in einem Wettlauf mit Hichens, bisher unveröffentlichte Texte zu sammeln und zu edieren. Aus „nationalen Gründen“ sollte „über die alte Poesie der Suaheli mehr in Deutschland publiziert w[erden], als es in den letzten Jahren der Fall war“. Meinhof stimmte ihm zu und bewilligte „[v]on Herzen […] Ihre ganzen Bemühungen über die weiteren Erwerbungen von Handschriften […] Auch ich bin der Meinung, dass wir den Engländern in diesen Sachen den Vorrang nicht lassen sollten.“ Gegenüber seinem Vertrauensmann in der Auslandsorganisation der NSDAP bezeichnete Meinhof Dammanns Erfolge im Auffinden von Manuskripten und deren Bearbeitung als „ganz ausserordentliche[n] Erfolg der deutschen Wissenschaft“.[19]

Der Wettlauf gipfelte darin, dass Hichens Dammann bei einer Handschrift des „Herkal“ zuvorkam, über deren Erwerb er mit Mbarak al-Hinawy verhandelte. Ende 1936 teilte dieser Dammann mit, dass er sich mit Hichens geeinigt hatte und sie das Manuskript gemeinsam ins Englische übersetzen wollten – Dammann ging leer aus.[20] Aber auch in kleinere Details übertrug sich der Wettlauf. Vor der Abreise von Lamu bat Dammann Meinhof, für seine Informanten Geschenke zu besorgen und nach Lamu zu schicken. Die Geschenke sollten „die Leute willig machen uns später Material zu senden und Auskunft zu geben“. Dammann war darauf angewiesen, dass er mit den lokalen Experten in Kontakt blieb, um die gesammelten Texte vollständig transkribieren, übersetzen und interpretieren zu können. Und er hoffte auf weitere Manuskripte, die ihm nach Deutschland nachgeschickt würden. Daher dürfe man, so Dammanns Frau Ruth an Meinhof, „nicht hinter Fräulein Prof. A. Werner zurückstehen schon aus nationalen Gründen, wir können aber nicht gut fragen, was sie geschenkt hat“. Es müsse „billig sein, dabei aber doch etwas hergeben“.[21]

(Ernst Dammann und Muhamadi Kijuma, 1936 von Ruth Dammann auf Lamu aufgenommen. Universität Bayreuth, Sammlungen des Instituts für Afrikastudien)

III. Ausblick

So ist festzuhalten: Erst die wahrgenommene Konkurrenz mit einem britischen Sammler führte dazu, dass 1936/37 bisher unveröffentlichte Swahili-Manuskripte gesammelt, transkribiert und übersetzt wurden (und diese bis heute in Deutschland liegen und als Grundlage für neuerscheinende Editionen der Swahili-Versdichtung dienen). Voraussetzung für die Finanzierung der Forschung durch die DFG war – nachdem eine transnationale Finanzierung durch das Londoner IAI ausgeschlossen wurde – die Darstellung der Forschung in einem nationalen Wettlauf mit Großbritannien. Genauso bedeutend war jedoch die Zusammenarbeit mit britischen Swahili-Expert:innen, auf deren Wissen und Praktiken Dammann aufbaute und die Kontakte zu ostafrikanischen Gelehrten herstellten, ohne die er weder an Manuskripte gekommen wäre noch deren Bearbeitung vor Ort hätte vornehmen können.

Eine transimperiale Perspektive ist jedoch nicht nur für die konkrete historische Situation angebracht, in der deutsche Akteure in einer fremden Kolonie unter den Vorzeichen des Kolonialrevisionismus und des Nationalsozialismus forschten, sondern für das Verständnis der gesamten Geschichte der Afrikalinguistik gewinnbringend: von der Herausbildung der afrikanistischen Sprachforschung in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis weit ins 20. Jahrhundert. Drei Beispiele sollen dies verdeutlichen: So begann die Erforschung einer afrikanischen Sprache in aller Regel erstens mit protestantischen Missionaren, für die die linguistische Arbeit Voraussetzung für die Erstverkündigung war. Dabei handelte es sich nicht selten um Deutsche (oft schwäbische Pietisten), die in Diensten britischer Missionsgesellschaften standen – transimperiale Existenzen per se. Der Erstbeschreiber des Swahili Johann Ludwig Krapf (1810-1881) bewegte sich etwa zwischen preußischem König und britischer Regierung, zwischen Basler Mission und Church Missionary Society, zwischen europäisch-christlichem Sendungsbewusstsein, sprachlicher Unterstützung britischer „Strafexpeditionen“ und frühen deutschen Kolonialträumen.[22]

Zweitens: Als sich die Kolonialwissenschaften nach der Begründung des überseeischen Kolonialreichs in den 1880er Jahren in Deutschland institutionalisierten, trat der Missionar und Swahili-Lehrer Carl Gotthilf Büttner für eine sprachliche Nationalisierung der Afrikanistik ein. Deutsche Forschung zu afrikanischen Sprachen sollte mit der Gründung des Berliner Seminars für Orientalische Sprachen (SOS) nunmehr auf Deutsch erfolgen und sich nicht länger an eine transnationale Öffentlichkeit richten, die durch die Strukturen der britischen Missionsgesellschaften und des Britischen Empires geprägt war.[23] Dreißig Jahre später wurde die Existenz des SOS das ausschlaggebende Argument, mit dem der britische Premierminister von der Einrichtung der School of Oriental and African Studies (SOAS) überzeugt werden sollte. Hinter den Deutschen wollte man kolonialwissenschaftlich nicht zurückfallen.[24] So kam es auch: Während das SOS längst vergessen ist, ist die SOAS heute die wohl wichtigste Institution, in der der Globale Norden den Süden erforscht.

Und doch: Dem Konkurrenzdenken der durchweg kolonialistischen Afrikalinguisten stand drittens der anhaltende Wissenstransfer gegenüber, den man keinesfalls missen wollte. So erfuhren die Afrikalinguisten der SOAS nach Kriegsende vom Tod Carl Meinhofs im Jahre 1944. Aus Deutschland zu hören, dass sich der glühende Kolonialrevisionist zum fanatischen Nationalsozialisten entwickelt hatte (der mit seinen Kollegen im Rahmen der NS-Kolonialwissenschaften etwa an einer deutschen Swahili-Orthographie für das kommende Kolonialreich feilte, das den SOAS-Afrikanisten ihr Wirkungsfeld nehmen sollte), führte nicht etwa zu einer Distanzierung von Meinhof und der deutschen Afrikanistik. Stattdessen hielten sie überaus warmherzig den fachlichen wie menschlichen Austausch und Meinhofs Einfluss auf die britische Afrikalinguistik in höchsten Ehren.[25]

Weiterführende Literatur:

Balbiani, Florian: Mission – Kolonialismus – Nationalsozialismus: Ernst Dammann und die Hamburger Afrikanistik, 1930–1937, München 2023.

Brahm, Felix: Wissenschaft und Dekolonisation: Paradigmenwechsel und institutioneller Wandel in der akademischen Beschäftigung mit Afrika in Deutschland und Frankreich, 1930–1970, Stuttgart 2010.

Esselborn, Stefan: Die Afrikaexperten: Das Internationale Afrikainstitut und die europäische Afrikanistik, 1926–1976, Göttingen 2018.

Pugach, Sara: Africa in Translation: A History of Colonial Linguistics in Germany and Beyond, 1814–1945, Ann Arbor 2012.

Stoecker, Holger: Afrikawissenschaften in Berlin von 1919 bis 1945: Zur Geschichte und Topographie eines wissenschaftlichen Netzwerkes, Stuttgart 2008.


[1] Ann L. Stoler, Frederick Cooper: Between Metropole and Colony: Rethinking a Research Agenda, in: Ann L. Stoler, Frederick Cooper (Hg.): Tensions of Empire: Colonial Cultures in a Bourgeois World, Berkeley, Los Angeles, London 1997, S. 1-56.

[2] Daniel Hedinger, Nadin Heé: Transimperial History: Connectivity, Cooperation and Competition, in: Journal of Modern European History 16/4 (2018), S. 429-452; Christoph Kamissek, Jonas Kreienbaum: An Imperial Cloud? Conceptualising Interimperial Connections and Transimperial Knowledge, in: Journal of Modern European History 14/2 (2016), S. 164-182.

[3] Claire L. Blaser, Monique Ligtenberg, Josephine Selander (Hg.): Transimperial Histories of Knowledge: Exchange and Collaboration from the Margins of Imperial Europe, in: Comparativ 31/5,6 (2021); Bernhard C. Schär: From Batticaloa via Basel to Berlin: Transimperial Science in Ceylon and Beyond around 1900, in: The Journal of Imperial and Commonwealth History 48/2 (2020), S. 230-262.

[4] Vgl. ausführlich zu Dammann Florian Balbiani: Mission – Kolonialismus – Nationalsozialismus: Ernst Dammann und die Hamburger Afrikanistik, 1930–1937, München 2023.

[5] Staatsarchiv Hamburg (im Folgenden StA HH), 364-13 Abl. 2002/04-86: Meinhof an Dammann, Tanga, 18.1.1935.

[6] Ebd.: Dammann, Tanga, an Meinhof, 18.12.1934.

[7] Zum IAI vgl. Holger Stoecker: Afrikawissenschaften in Berlin von 1919 bis 1945: Zur Geschichte und Topographie eines wissenschaftlichen Netzwerkes, Stuttgart 2008, S. 176-188; Stefan Esselborn: Die Afrikaexperten: Das Internationale Afrikainstitut und die europäische Afrikanistik, 1926–1976, Göttingen 2018.

[8] Peter Kallaway: Diedrich Westermann and the Ambiguities of Colonial Science in the Inter-War Era, in: The Journal of Imperial and Commonwealth History 45/6 (2017), S. 871-893.

[9] StA HH, 364-13 Abl. 2002/04-86: Meinhof an Dammann, Tanga, 1.2.1935.

[10] Holger Stoecker: Afrika als DFG-Projekt: Die staatliche Förderung der deutschen Afrikaforschung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1920–1970, in: Michel Espagne, Pascale Rabault-Feuerhahn, David Simo (Hg.): Afrikanische Deutschland-Studien und deutsche Afrikanistik: Ein Spiegelbild, Würzburg 2014, S. 147-166, hier S. 147-150.

[11] StA HH, 364-13 Abl. 2002/04-86: Meinhof an Dammann, Tanga, 18.1.1935.

[12] Stoecker: Afrika als DFG-Projekt, S. 151.

[13] Vgl. etwa Ernst Dammann: Deutsche Mitarbeit an der Erforschung ostafrikanischer Sprachen, in: Das Hochland 5 (1934/35), S. 132-136, hier S. 133.

[14] Carl Meinhof: Die neue Zeit, in: Zeitschrift für Eingeborenen-Sprachen 31/1 (1940/41), n. pag.

[15] Gudrun Miehe: Preserving Classical Swahili Poetic Tradition: A Concise History of Research up to the First Half of the 20th Century, in: Gudrun Miehe, Clarissa Vierke (Hg.): Muhamadi Kijuma: Texts from the Dammann Papers and other Collections, Köln 2010, S. 18-40, hier insb. S. 27.

[16] StA HH, 364-13 Abl. 2002/04-86: Meinhof an Dammann, Tanga, 18.1.1935; 31.1.1935; 20.8.1935; Emmi Meyer an Dammann, Tanga, 22.1.1936; Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel (im Folgenden SHLB Kiel), Cb 179, Kasten 9: Meinhof, Testimonial, 8.5.1936.

[17] Siehe dazu Balbiani: Mission – Kolonialismus – Nationalsozialismus, S. 88-98.

[18] StA HH, 364-13 Abl. 2002/04-86: Dammann, Lamu, an Meinhof, 3.8.1936.

[19] Ebd.: Dammann, Lamu, an Meinhof, 14.9.1936; Meinhof an Dammann, Lamu, 8.9.1936; Meinhof an Robert Fischer, Auslandsorganisation der NSDAP, Berlin, 18.8.1936.

[20] SHLB Kiel, Cb 179, Kasten 8: Mbarak al-Hinawy, Mombasa, an Dammann, 27.11.1936.

[21] StA HH, 364-13 Abl. 2002/04-86: Dammann, Lamu, an Meinhof, 4.10.1936; StA HH, 364-13 Abl. 2002/04-221: Dammann, Lamu, an Emmi Meyer, 26.11.1936.

[22] Vgl. zu Krapf etwa Jochen Eber: Johann Ludwig Krapf: Ein schwäbischer Pionier in Ostafrika, Riehen/Basel 2006.

[23] Sara Pugach: Africa in Translation: A History of Colonial Linguistics in Germany and Beyond, 1814–1945, Ann Arbor 2012, S. 52-53.

[24] Ian Brown: The School of Oriental and African Studies: Imperial Training and the Expansion of Learning, Cambridge 2016, S. 10-13 u. S. 24-27.

[25] A. N. Tucker: Obituary: Carl Meinhof, in: Bulletin of the School of Oriental and African Studies 12/2 (1948), S. 493-496.

Author profile

Florian Balbiani is a PhD student at the Centre for Transcultural Studies at the University of Erfurt. His work focuses on the transimperial history of colonialism, Christian missions, and linguistic knowledge in East Africa. His research project, titled “Exploring Swahili: African Linguistics in Germany, Britain, and East Africa, 1843-1945”, aims to investigate the ideological and political factors, as well as the concepts, networks, and material conditions that shaped the production of knowledge about the East African vernacular Swahili. This investigation encompasses, on the one hand, the competition and cooperation among European missionaries, colonial officials, and Africanists from a transimperial perspective. On the other hand, it examines the contributions of African actors, ranging from scholars on the Swahili coast to lecturers in the colonial academic institutions in Europe.

Publication:
2023: Mission – Kolonialismus – Nationalsozialismus. Ernst Dammann und die Hamburger Afrikanistik, 1930–1937 (= Hamburger postkoloniale Studien, vol. 8), München.

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